| von Peter Rachow (Januar 2012) Walter M.* ist Raucher. Starker Raucher. Jeden Tag quarzt er eine bis zwei Schachteln einer Billigmarke vom Discounter in seine Lungen. Markenzigaretten sind zu teuer, denn Walter M. hat neben seinem Dauerhusten, seiner grauen und faltigen Haut und seiner abstoßend nach kaltem Rauch riechenden Kleidung auch andere notorische Probleme. Er hat Geldpobleme, denn er lebt von Hartz-IV, da ist nicht viel drin an Luxus. Aber auch die Zigaretten, die er kauft oder sich manchmal aus dem Ausland mitbringen lässt, sind teuer genug. Er hat Frust. Irrsinnigen Frust. Und das nicht nur wegen der hohen Zigarettenpreise. In Bayern, wo M. wohnt, gibt es seit bald zwei Jahren das strengste Nichtrauchergesetz Deutschlands. Früher ging er jeden Abend in die Kneipe um dort mit seinen Kumpels zu rauchen und sich beim x-ten Bier den Frust von der Seele zu reden. Das geht heute nicht mehr, zumindest das Rauchen in der Kneipe ist nämlich heute verboten. Aus, Ende, vorbei mit der geliebten "Gemütlichkeit". Und so müssen er und seine Kumpane nun zum Rauchen vor die Tür. Walter M. hasst die Leute, die ihm das eingebrockt haben. Er könnte sie töten. Wenn er eine Waffe hätte, zumindest. Vor einigen Jahren fand M. im Internet dann zufällig ein paar Seiten, die dem entrechteten Raucher Zuflucht und Hilfe boten. Zumindest taten die Betreiber dieser Seiten so. Sie nannten sich "Netzwerk Rauchen", "Rauchernews" oder "Freiheit und Toleranz" und machten sich stark für die "Rechte der Raucher". Es war eine Offenbarung für ihn. Dort fand Walter, was er so lange gesucht hatte: Menschen, genauer gesagt "rauchende Menschen", denen es genau so ging wie ihm. Sie alle wollten nicht gezwungen werden, zum "Genuss" ihrer geliebten Glimmstängel vor die Kneiptentür zu gehen. Sie wollten drinnen rauchen. Besonders im Winter, denn es regnete und war kalt. Und so schrieb Walter begeistert mit auf den den Diskussionseiten und teilte aus, was Zeug hielt gegen "Antiraucher", "Verbotswahn", "Systemfaschismus", "Antitabaklobby", "Tabakrauchhypochonder" und viele andere Dinge, die er erst kurz vorher gelernt hatte. Ein paar Mal hat es Walter zu doll getrieben und wurde angezeigt und verurteilt. Er ließ jedoch nicht locker und keilte weiter. Das verminderte den Druck zumindest ein klein wenig. Aber auch durch die neue Möglichkeit, im Internet mal richtig Dampf abzulassen änderte sich nichts, was Walter seine geliebte Kneipenzigarette zurückgebracht hätte. Im Gegenteil. Anstatt dass die Rauchverbote wieder gelockert wurden, so wie er es sich sehnlichst gewünscht hatte, gab es immer mehr Bundesländer, in denen ähnlich wie in Bayern rigoros gegen das Rauchen vorgegangen wurde. Walter M.'s Raucherwelt wurde kleiner, sein Hass dafür immer größer. Und plötzlich fand er durch Zufall einige jener, die ihm das "eingebrockt" hatten, denn er stieß auf die Webseite www.raucherwahnsinn.de. Endlich waren sie gefunden, die Typen, die ihm so übel mitgespielt hatten. Sein Gesicht, sonst grau und eingefallen von den vielen Zigaretten, wurde rot und seine Augen blitzten. Jetzt brauchte er nur noch eine Waffe. Denn auf raucherwahnsinn.de waren genau jene Menschen zu finden, die er am meisten hasst. Die Verursacher der Rauchverbote. Es waren Menschen, die sich einsetzen für Nichtraucherschutz und die das Rauchen aus allen öffentlichen Bereichen verbannen wollen und die dies auch zum großen Teil geschafft haben. Sie taten das alles, weil sie einfach genug davon hatten, sich überall, in jedem Restaurant, jeder Kneipe und jedem Festzelt rücksichtslos vollrauchen lassen zu müssen. Es waren Menschen, die einfach keine Lust mehr hatten, das giftige Abgas der Raucher einatmen zu müssen, die nicht husten, nicht keuchen und nicht leiden wollten, durch den "Rauchspaß" der Menschen wie Walter M., die ihre Drogensucht bis dahin rücksichtslos auslebten. Walter M. nannte seine Gegner "Antis" und sein Hass war grenzenlos. Und jetzt war die Stunde gekommen. Er wollte zurückschlagen. Endlich. Den Betreiber der rauchewahnsinn-Seite hatte er schnell ausfindig gemacht. Jetzt konnte es losgehen. Und so beschloss er, es dem mal "richtig" zurückzugeben. So wie ein kleiner, dicker und geistig nicht besonders entwickelter Mann wie M. es eben konnte. Aber was sagt man eigentlich gegen einen Menschen, der sich gegen Drogenkonsum auspricht um dem mal richtig "eins auszuwischen"? Na logo! In seiner beneidenswerten Schlichtheit dichtet Walter M. diesem Menschen selbst ein Drogenproblem an. Klasse Idee! Walter M., von Nikotinmissbrauch und Alkoholkonsum gezeichnet, machte sein Hassobjekt selbst zum Drogenabhängigen. Eine "tolle Story" war geboren. Aber jetzt wurde es schwierig. Denn was bleibt übrig, wenn das vermeintlich Opfer nun eben erklärtermaßen nicht raucht sondern im Internet gegen das Rauchen auftritt? Nikotin, die am meisten verwendete Alltagsdroge, schied also schon mal aus. Gut, man könnte diesen "widerlichen Antiraucher" des Heroinspritzens oder Kokainschnupfens bezichtigen. Aber das würde niemand glauben. So denkt Walter M. weiter nach und schaut an sich selbst herunter. Sein dicker Bauch, vom jahrelangen Bierkonsum schon ordentlich angeschwollen, gibt ihm die zündende Idee: Wir machen diesen "Antirauchertaliban" zum Alkoholiker! DAS war es. "Betrunken und Alkoholiker, genau so wird's gemacht!", dachte sich Walter M. Schnell kopierte ein paar gefäschte Fotos und verfasste einen vor Rechtschreibfehlern nur so strotzenden Hasstext und stellte ihn anonym ins Internet. Und damit der Text etwas länger wurde, legte Walter seinem verhassten Gegner noch schnell ein paar Sätze in den Mund, die der natürlich nie geschrieben hatte. Walter M. ist zwar nicht besonders intelligent aber immerhin die Grundlagen der Techniken des Web 2.0 hat er sich ganz fix angeeignet: Ein anonymes Blog auf einem Server in den USA ist schnell erstellt und der ganze Hass von Walter M. fand plötzlich ein Ventil. Und wie bei einem Dampfkessel, der kurz vor dem Platzen ist, konnte M.'s Druck jetzt schlagartig entweichen. Mit ungeheurer Gewalt bahnte sich sein Hass den Weg ins Freie. Es musste sich ähnlich angefühlt haben, wie ein Mensch, der unter einem schweren Magen-Darm-Infekt leidet, endlich die rettende Toilette findet, sich auf ihr niederlässt und alles von sich gibt, was einfach raus muss. Und einen ähnlichen Geruch verbreiteten M.'s verbale Hinterlassenschaften dann auch. Diese wenig appetitlichen Hinterlassenschaften von Walter M. sind heute irgendwo im Internet zu bewundern. Hier ein paar Auszüge von Walter M.s ganz sicher literatur-nobelpreisverdächtiger Veröffentlichung: ![]() http://antiwahnsinn.wordpress(dot)com
Lieber Walter: Ich hege tiefes Mitgefühl mit den "armen entrechteten und diskirminierten" Rauchern wie Dir und verspreche hoch und heilig, mit meinen Bemühungen für Rauchfreiheit (und mit dem Begriff, meine ich sicher nicht, die Freiheit zu rauchen!) nicht eher enden zu wollen, bis zumindest in Deutschland ein einheitlicher, ausnahmsloser und konsequenter Nichtraucherschutz eingerichtet wurde. Genau wie in Bayern. Hoast mi? Und damit spreche ich auch für meine Freunde von den verschiedenen Nichtraucherinitiativen und rauchfreien Webseiten in Deutschland. Wir schaffen das. ![]() |