Nachfolgend
soll exemplarisch und in kompakter Form beleuchtet werden, welche
grotesken intellektuellen Klimmzüge eine Nikotinikerorganisation
wie das ominöse "Netzwerk Rauchen e. V.", das sich um den Bonner
Provinzpolitiker Christoph Lövenich geschart hat, unternehmen
muss, um eine allgemein bekannte Gefahr wie die des Passivrauchens und
seiner gesundheitlichen Auswirkungen auf Nichtraucher zu verharmlosen
und herunterzuspielen. Der Zweck solcher ebenso sinnlosen wie
verzweifelten Aktionen ist letztlich so einfach strukturiert wie die
Macher dieser Seite. Es sollen die völlig zu Recht
eingeführten Rauchverbote in der Öffentlichkeit (insbesondere
jene in der Gastronomie) angegriffen
werden um die "verrauchte Gemütlichkeit" (O-Ton dieses
"Netzwerkes") wieder herzustellen.
Wir
untersuchen nachfolgend exemplarisch den unlängst von dieser
Rauchertruppe, die sich tatsächlich rühmt, objektive
Wissenschaft betreiben zu wollen, veröffentlichten Text
"Heiße Luft".
http://www.netzwerk-rauchen.de/documents/Heisse_Luft_fin.pdf
Dieser
Text benutzt einige sehr einfache Strategien, um "herauszuarbeiten",
dass das gesundheitliche Problem des Passivrauchens gar nicht
existiere, die mittlerweile eingeführten Rauchverbote daher
aufgehoben gehörten und man den Verfassern und ihren ebenso
drogenabhängigen Kollegen und Mitstreitern bitteschön wieder
den zeitlich und örtlich unbeschränkten Konsum ihrer
gefährlichen Drogen ermöglichen möge...
Diese
Strategien sind zusammengefasst i. W. die folgenden:
1. Fokussieren auf ein Randproblem
2. Verharmlosen und relativieren
3. Bewusste Fehlinterpretation von Aussagen
Zu den Einzelheiten...
1.
Fokussieren auf ein Randproblem
Der
vorliegende Text versucht zu suggerieren, dass das Hauptproblem bei der
Passivrauchexposition generell ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko beim
Nichtraucher sei. Diese Strategie verfolgt mehrere Ziele.
Zum
ersten werden die wirklich relevanten Folgen der Passivrauchexposition,
die viele Nichtraucher ad hoc spüren, wenn sie einen verqualmten
Raum betreten, wie z. B. akute Reizungen der Schleimhäute des
oberen Respirationstraktes wie im Bereich des Nasopharynx
(Nasen-Rachenbereich), des Larynx (Kehlkopf) und der Trachea
(Luftröhre) sowie der Konjunktiva (Bindehaut des Auges), an den
Rand gedrängt. Auch die allfälligen Kopfschmerzen, über
die viele Passivrauchexponierte klagen und die zum Teil auf den CO- und
CO2-Überhang in verrauchter Umgebungsluft zurückzuführen
sind, werden ignoriert. Ebenso werden die negativen Auswirkungen auf
die momentane Herzleistung des Passivrauchenden, die verminderte
Perfusionsrate (Blutflussmenge pro Zeiteinheit), das erhöhte
Risiko für Asthma broinchiale bei Kindern etc. nicht oder nur am
Rande erwähnt. Stattdessen wird das viel kleinere Risiko eines
Lungenkarzinoms zum alleinigen Betrachtungsgegenstand gemacht. Dass
dieses Risiko beim dem Passivrauch exponierten Nichtraucher
naturgemäß relativ klein ist, erleichtert den Machern dieses
schlecht und irreführend geschriebenen Pamphletes die Arbeit
natürlich ungemein.
Der
zweite Vorteil dieser Strategie ist, das man nun wissenschaftliche
Daten so interpretieren kann, dass man sie als völlig aussagelos
betrachten könnte, da ein nachweisbarer Kausalzusammenhang
zwischen einer erhöhten Passivrauchaufnahme und einer sich mit
einer langen Latenzzeit entwickelnden Krankheit wie dem Lungenkrebs
naturgemäß relativ schwach sein muss weil die statistische
Aufarbeitung von Fallstudien mit vielen Störquellen (lange
Latenzzeit, geringe Verlässlichkeit beim Erfassen von
Umgebungsvariablen wie Stärke und Dauer der Passivrauchexposition
etc.) zu kämpfen hat.
Um die
statistische Signifikanz der Ergebnsse zu verbessern, wären daher
prospektive (auf die Zukunft gerichtete) Untersuchungen vorzuziehen.
Des Weiteren ist es aber sicher schwierig, eine eher seltene Krankheit
wie den Lungenkrebs des Nichtrauchers prospektiv durch Kohortenstudien
zu erfassen, da man hier eine sehr große Anzahl von
Studienteilnehmern sehr lange beobachten (teilweise mehrere Jahre oder
Jahrzehnte) müsste was schlicht in vielen Fällen an den
fehlenden finanziellen Ressourcen scheitern dürfte.
Aufgrund
der Tatsache, dass das Lebenszeitrisiko eine Nichtrauchers an
Lungenkrebs zu erkranken im Bereich von 4/1000 liegt bleibt auch die
Zahl der errechneten durch Passivrauch erkrankten nichtrauchenden
Lungenkrebspatienten naturgemäß klein: Man geht in der
Wissenschaft insgesamt davon aus, dass in Deutschland im Laufe eines
Jahres ca. 200 Menschen an passivrauchbedingtem Lungenkrebs erkranken
und sterben, was in der Tat eine sehr kleine Zahl ist, wenn man sie mit
den 40.000 aktiven Rauchern vergleicht, die jedes Jahr diesem Leiden
erliegen.
Zusammenfassend
ist zu sagen, dass der durch Passivrauchexposition induzierte
Lungenkrebs des Nichtrauchers eine sehr geringe Relevanz in der
gesamten Passivrauchproblematik einnimmt. Nichtsdestotrotz wird er hier
in den Mittelpunkt gerückt umd von wahren Problemen beim
Passivrauchen abzulenken, der akuten Schädigung im Moment des
Kontaktes mit dem Rauch.
2.
Verharmlosung und Relativierung
Das
Problem des Passivrauchens wird außerdem "kleiner", wenn man es
anderen Problemen gegenüberstellt. Und das an sich gering
relevante Problem des Lungenkrebses beim Passivrauchen wird noch
vernachlässigbarer, wenn man andere konkrete Risiken dagegen
stellt. Dass ein derartiges Vorgehen natürlich unsinnig ist,
erschließt sich vielen Menschen (so auch den Machern des
vorgelegten Textes) nicht so ohne Weiteres.
Kann
man Risiken vergleichen? Wer unter Passivrauch leidet, dem bringt es
nichts zu wissen, dass er durch die Aufnahme von 12 Hotdogs im Monat
sein Leukämierisko um fast den Faktor 10 steigern könnte (S.
9), dass es also möglicherweise eine Relation von Hotdogs pro
Monat und dem Risiko für die seltene Erkrankung "Leukämie "
geben soll. Diese Art von "Wissen" ist völlig irrelevant für
Personen, die unter Hustenattacken leiden, wenn sie einen verrauchten
Raum betreten. Weiterhin bleibt natürlich im Dunkeln woher die
Autoren diese Zahlen beziehen. Und so sind diese Seiten voller
derartiger Vergleiche dieser mehr oder weniger abstrusen und
völlig unwissenschaftlichen Art:
"Nun, offensichtlich sollten übergewichtige Frauen
anfangen zu rauchen, denn das vermindert
ihr Risiko, vorzeitig zu sterben, und Nichtraucher sollten auf gar
keinen Fall Vollmilch trinken,
das ist rund 6-mal gefährlicher, als mit einem Raucher
zusammenzuleben. Noch gefährlicher ist
das Tragen von BHs, denn das zusätzliche Risiko für
Brustkrebs entspricht dem von aktiven
Rauchern für Lungenkrebs ..."
Schon alleine die letzte Aussage ist vollkommen aus der Luft gegriffen. Das Lebenzeitrisiko für eine Frau an einem Mamma-Ca. zu erkranken beträgt in Deutschland 1:10. Das Risiko daran zu versterben ungefähr 1:2. Somit stirbt jede 20. Frau im Schnitt an Brustkrebs (5%). Das Risiko für einen starken Raucher an einem Lungencarcinom zu erkranken beträgt dagegen ca. 1:5, die Wahrscheinlichkeiit daran zu sterben ist 95% (0,95). Das Risko für eine starken Raucher an Lungenkrebs zu sterben ist folglich 19%.
Wie wenig diese Autoren auch von den elementarsten stochastischen Zusammenhängen verstehen, macht übrigens der erste Satz des Zitates deutlich: Dass man ein anderes Risiko eingeht (rauchen) ergibt nicht die Verminderung eines bereits bestehenden Risikos (Sterben durch Übergwicht). Im Gegenteil: Es kommt zu einer signifikanten Erhöhung des Gesamtrisikos durch Summierung von Einzelrisiken. Aber dieser eigentlich von jedem Grundschüler erfassbare Unterschied zwischen Addition und Subtraktion scheint den Autoren verborgen zu sein.
Fazit:
Alleine dadurch, dass man das passivrauchbedingte Risiko eines
Lungen-Ca. in Relation mit anderen Risken setzt, verharmlost ersteres
schon ganz massiv.
Eine
weitere Veharmlosungstratgie ist die des Anzweifelns der statistischen
Relevanz der ermittelten Daten. So wird mal eben einfach postuliert,
dass man unterhalb eines bestimmten relativen Risikos
(Risikoerhöhung- bzw. verminderung) konizidierend mit einem
bestimmten Vertrauensintervall keine statistische Signifikanz erwarten
könne (S. 10). Das mag zwar nicht unbedingt falsch sein, trifft
sich aber sehr gut mit dem bereits erwähnten schwachen
Zusammenhang von Passivrauchexpostion und der Inzidenz
(Auftretenshäufigkeit) des Lungenkrebses. Man sucht also ein
Problem, das eigentlich nur sehr wenig Relevanz hat (i. e. ein
Randproblem) und interpretiert die Daten zusätzlich entsprechend
großzügig.
Auch
die Aussage, beim Verbrennen von Tabak entstünden die gleichen
Abgase wie bei allen Verbrennungsprozessen auch ist natürlich
nicht mehr als eine Erheiterung des Lesers. "Warum", so möchte man
fragen, "leiten dann Menschen nicht ihre Schornsteine in die Wohnung
zurück?", "Warum wird bei einem Auto das Auspuffrohr nicht direkt
mit dem Innenraum verbunden? Man könnte dadurch doch (besonders
bei Dieselfahrzeugen) so eine schöne 'verrauchte
Gemütlichkeit' im Fahrerraum erzeugen!"
3.
Bewusste Fehlinterpretation von Aussagen
Die
absichtsvoll herbeigeführte Fehlinterpretation
von Aussagen ist ebenfalls anhand des Textes sehr gut herauszuarbeiten.
Ein paar Beispiele sollen nun folgen. Im Laufe des Textes werden die
Aussagen verschiedener Studien zur Passivrauchexposition und dem
Auftreten eines Lungen-Ca. sehr großzügig umgedeutet (S.14).
So kann man in einem WHO/IARC-Text lesen: " Die Daten europäischer Studien über eine Assoziation zwischen Passivrauch in der Kindheit und Lungenkrebs sind uneinheitlich. ". Daraus wird nun plötzlich in der Lesart der Nikotiniker " Keine gute europäische Studie zeigt ein erhöhtes Krebsrisiko nach Exposition in der Kindheit. " Wie kommen die Autoren darauf? Der Begriff "uneinheitlich" bedeutet nach allgemeiner Erkenntnis nicht, dass es keine Aussage über ein erhöhtes Krebsrisko der dargestellten Form gibt. "uneinheitlich" ist "uneinheitlich". Nicht mehr und nicht weniger. Es kann schlicht auch bedeuten, dass eine Studie ein höheres Krebsrisiko als eine andere postuliert. Von "null Risiko" ist dort nichts zu lesen.
Ein weiteres Beispiel:
...die
WHO/IARC-Aussage " Die anderen Studien konnten dies nicht
bestätigen. " wird umgedeutet zu " Sie konnten sie es
nicht nur ‚nicht bestätigen’, sondern fanden
überwiegend verminderte Risiken " Auch das wird mit keinem
Wort erwähnt und ist völlig willkürlich als Setzung
angenommen.
oder...
...
WHO/IARC sagt aus "... und erlaubt nicht den Schluss, dass
Passivrauch in der Kindheit einen schützenden Effekt hat. "
wird beim "Netzwerk Rauchen" zu " ... was bedeutet, dass aus der
ganzen Studie überhaupt keine Schlüsse auf irgendetwas
gezogen werden können! "
Jeder
Mensch, der zumindest Grundkenntnisse in Logik hat, wird erkennen, dass
hier extrem großzügig und natürlich auch völlig
falsch interpretiert wurde.